Chancen und Risiken digitaler Patientenschulung

Strukturierte und evaluierte Patientenschulungen werden seit vielen Jahren erfolgreich von Arztpraxen, Ärzten und ArzthelferInnen durchgeführt. Die entsprechenden Schulungsmaterialen werden bei Verlagen, wie dem Kirchheim-Verlag bestellt und in der Regel werden in vier Terminen die Patienten in ihrer Erkrankung geschult. Papierbasierte Versionen bedeuten in den meisten Fällen hohe Kosten bei der Auslieferung an die geschulten Patienten. Eine papierbasierte Version hat den Vorteil, dass alle Schulungen in einem bestimmten Konzept durchgeführt werden können und man sicherstellen kann, dass Inhalte gleich dargestellt werden. Dies bedeutet allerdings auch, dass für Unterlagen die einmal ausgeliefert sind, es keine Möglichkeit mehr gibt, diese zu aktualisieren. Es entstehen hohe Kosten und es entstehen auch immer neue Programme. Da Patienten öfter das Internet konsultieren, um Gesundheitsinformationen zu recherchieren und Smartphones ständig Gesundheitsdaten aufnehmen, stellt sich die Frage, ob eine papierbasierte Schulung denn noch zeitgemäß ist oder ob hier ein Neu- oder Umdenken zu einer besseren Patientenversorgung führen kann.

Doch welche Chancen und Risiken bieten digitale Informationen für die Patientenschulung?

Die Wissensquelle Internet stellt natürlich für viele von uns einen zentralen Anlaufpunkt dar. In einer Untersuchung der Central Krankenversicherung, einer Erhebung auf Basis von deutschlandweit mehr als 41 Millionen Google-Suchen im Zeitraum 2013/2014, kam es zum Aufruf von im Durchschnitt 140.000-mal den Begriff Diabetes pro Monat und landet im Internet auf Seiten, die der Patient meistens nicht einschätzen kann. Der Patient surft weiter zu Webseiten, deren medizinische Validität und Verifizierung nicht gesichert ist. Auch der HON-Code – das steht für Health On the Net – ist hier nicht hilfreich und auch nicht erfolgreich gewesen, um Seiten für den Patienten erkenntlich medizinisch valide zu Kennzeichen.

Durch diese Suche nach Informationen und das entstehende Vakuum sucht der Patient weiter nach Informationen in Google. Professor Werner Scherbaum, warnt in einem offenen Brief an Google vor Informationen, die im Internet unrichtig sind. Ein Beispiel hierzu ist** Google Knowledge Graph**, eine von Google seit 2012 eingebaute Funktionalität, wodurch der Nutzer auf Informationen von Unternehmen, aber auch auf Erkrankungen zugreifen kann. Zum Diabetes Typ II empfiehlt Google Knowledge Graph, dass Aspirin als Medikation verwendet werden kann. Dies ist nicht nur eine Fehlinformation, sondern auch eventuell schädlich für den Patienten. Dr. Google ist in diesem Fall keine zuverlässige Quelle für den Patienten.

Ein anderes Beispiel zeigt einen 14-jährigen Jungen, der im Internet nach dem Symptom Nachtschweiß sucht, dabei kam er schnell auf die Diagnose HIV oder Krebs. Solche Suchergebnisse stellen eine psychische Belastung dar, denn wäre der Junge zum Arzt gegangen, wäre die Diagnose vom Arzt Schweißausbrüche bedingt durch Stress in der Schule gewesen.

Durch solche Suchergebnisse ist der Fachausdruck „Cyberchondrie“ entstanden. Er bezeichnet den Zustand von hypochondrischen Zuständen, ausgelöst durch die diagnostischen Informationen aus dem Internet. Diese mittlerweile mit dem Fachausdruck Cyberchondrie bezeichnete Situation kann schwierig für Ärzte sein. Schwierig für Ärzte deshalb, weil sie nicht immer verfügbar sind, obwohl sie immer noch bei einer Suche nach Gesundheitsinformationsquellen im Netz, die relevanteste Quelle darstellen.

Wer schult den Patienten denn nun? Es geben 50 % der Ärzte an, dass Vorabinformationen aus dem Internet, die Behandlung ihrer Patienten problematischer gestalten. Das heißt, es findet eine Veränderung statt in der Arzt/Patienten-Rolle, weg von einem paternalistischen Ansatz, in dem der Arzt sagt, was der Patient zu tun hat, hin vielleicht zu einem partnerschaftlichen Ansatz. Für manche Patienten ist es immer noch einfach, die Gesundheit in die Hand des Arztes zu legen, jedoch versuchen immer mehr Patienten sich vorher zu informieren und in einen Diskurs mit dem Arzt einzusteigen. Dieser Diskurs führt dazu, dass Patientengespräche länger dauern. Sie dauern länger, weil die Ärzte sich mit diesen Informationen auseinandersetzen und auch die eine oder andere Information richtigstellen müssen.

Können denn digitale Medien dabei helfen, den Datenaustausch zwischen Arzt und Patient zu verbessern?

Trotz des erhöhten Zeitaufwands und des Erschwernisses, sind die Ärzte immer noch offen dafür, digitale Medien einzusetzen. Wie man das tun soll, sagt einem als Arzt jedoch niemand. Der Datenaustausch kann natürlich die Behandlungsqualität verbessern, allerdings wird nicht diskutiert, in welchem Rahmen Daten mit wem ausgetauscht und wo diese weitergeleitet werden. So liegt der Patient abends im Bett und möchte gerne eine medizinisch valide und verifizierte Information haben. Was tut er? Er ruft die Kommunikations-App auf, exemplarisch könnte diese so aussehen: Professor Werner Scherbaum erscheint und der Hilfesuchende möchte Kontakt aufnehmen. Leider ist Professor Werner Scherbaum nicht erreichbar, weshalb die Person weiter im Internet recherchiert. Das Feld, das die Ärzteschaft durch die Profession der Medizinberufe freigibt, wird von einem Unternehmen besetzt, welches sich darauf spezialisiert hat, Daten aufzubereiten und Nutzern zur Verfügung zu stellen. Apps wie Diabetes Mellitus Coach, der beispielsweise die Blutzuckerwerte und die Essgewohnheiten aufnimmt, sammelt Daten über den Nutzer, diese ergeben zusammen ein vollständiges Bild über seine Gesundheit. Die Weiternutzung dieser Daten ist auch oft das Ziel, denn Krankenkassen oder Arbeitgeber könnten darauf zu greifen und zum Vorteil des Patienten handeln. Inwiefern dies nur zum Vorteil des Patienten geschieht, ist ungewiss.

Ein weiterer Lösungsvorschlag zur Patientenschulung kann die Digitalisierung von Schulungsunterlagen im Internet oder ein entsprechendes Portal für die Trainer als auch für die Patienten sein. Es bietet die Möglichkeit, den Patienten über eine Plattform zusätzliche Informationen zu den Schulungen zu Verfügung zu stellen, als auch nachzuvollziehen wie oft Patienten in Interaktion mit der Plattform treten. Wenn wir von einer Plattform sprechen, dann stellt man sich diese heutzutage nicht mehr wie ein Diskussionsforum oder eine traditionelle E-Learning Plattform vor, sondern es bietet sowohl Trainern als auch Patienten eine Applikation für ihre Endgeräte an. Die Nutzung einer mobilen Applikation dient neben reiner Informations- und Wissensvermittlung auch zur Benachrichtigung von Patienten, um in regelmäßigen Abständen mit den Patienten in Kontakt zu treten. Dies ist vor allem dann hilfreich, wenn Patienten daran erinnert werden sollen eine Messung oder eine neue Lerneinheit durchzuführen. Durch die Aufnahme von Gesundheitsdaten über die Plattform kann dem Patienten bei der Bewältigung seiner Krankheit unterstützende Hilfe geboten werden. Ein Trainer kann diese Daten dann zusammen mit dem Patient in der nächsten Schulung besprechen.

Trotz aller Risiken ist es demnach möglich digitale Patientenschulungen zu Gunsten des Patienten durchzuführen. Es ist mit vielen Chancen verknüpft und gute Lösungsansätze sind gegeben, um an dieses Thema heranzutreten. Besonders im Zeitalter Internet, sollte man eine Alternative zu papierbasierten Patientenschulungen schaffen, um mehr Patienten durch digitale Medien zu erreichen.

Quellennachweis:
[1]: 1. Kulzer B. Im digitalen Zeitalter grundlegend verändert. October 2015:1-5.
[2]: https://de.wikipedia.org/wiki/Health_On_the_Net_Foundation (https://de.wikipedia.org/wiki/Health_On_the_Net_Foundation)
[3]: Hamberger B. Ärzte schreiben offenen Brief an Dr. Google. http://www.gesundheitsstadt-berlin.de/aerzte-schreiben-offenen-brief-an-dr-google-7207/. Accessed January 1, 2016.

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